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„Wichtig wäre ein Marshall-Plan für alle deutschen Dörfer“

Experten-Interview mit Prof. Dr. Gerhard Henkel, Geograph und Universitätsprofessor der Universität Duisburg-Essen, Autor des Buches „Rettet das Dorf“

1. Die einen sprechen von Landflucht und von Dorfsterben, die anderen sehen eine Renaissance des Landlebens. Was stimmt denn nun?

Wir können tatsächlich derzeit positive und negative Entwicklungen nebeneinander beobachten, und das auch noch regional sehr unterschiedlich. Generell verlassen die Jugendlichen zunächst einmal massenhaft das Land, wir sprechen von Ausbildungsabwanderung, und viele von ihnen kommen nicht zurück. Infrastrukturverluste und Leerstand bedrücken und bedrohen viele Dörfer und Kleinstädte. Andererseits wird das Dorf von seinen Bewohnern geliebt. Für die vielen beruflichen Auspendler bleibt das Dorf die Basisstation zum Auftanken und Mitmachen.

2. Was macht aus Ihrer Sicht die dörflichen und ländlichen Strukturen so erhaltenswert?

Die Landbewohner schätzen das naturnahe und überschaubare Landleben und gestalten dies mit Gemeinwohldenken und Anpackkultur. Die zahllosen Aktivitäten und Erfolgserlebnisse in den Dörfern, zum Beispiel bei der Rettung des letzten Gasthofs oder Ladens, zeigen die Kraft des Dorfes und machen deutlich, dass das Dorf Chancen hat. Generell haben Dorf und Land wertvolle ökonomische, ökologische, kulturelle und soziale Potentiale und bringen diese auch in hohem Maße in die Gesamtgesellschaft ein.

3. Abwrackprämie, sprich: Anreize für die Aufgabe von ganzen Ortschaften oder Marshallplan zur Rettung des Dorflebens: Welcher Extremposition neigen Sie eher zu?

Ich halte gar nichts von Abwrackprämien für kleine Dörfer unter 200 Einwohnern, die gerne von ein paar Raumordnern in Berlin immer wieder ins Spiel gebracht werden. Gerade in kleinen Dörfern herrscht häufig ein besonders intensives Gemeinschaftsleben. Wichtiger wäre ein Marshallplan für alle deutschen Dörfer und Kleinstädte. Dies könnte ein großes Programm zur Leerstandsbekämpfung oder ein generelles Revitalisierungsprogramm nach Leitbildern wie „Das Dorf als sorgende Gemeinschaft“ sein, das der Staat den Landgemeinden und Dörfern als Hilfe zur Selbsthilfe gewährt.

4. Was halten Sie von der These, dass Wohneigentum eine Art „Haltefaktor“ ist, dass also Menschen eher in ihrer ländlichen Heimat bleiben, wenn sie ein Eigenheim bewohnen?

Landbewohner sind es gewohnt, ein Eigenheim mit Garten zu bewohnen. Dies ist ein wichtiger Wohlfühlfaktor für das Dorf. Die hohe Eigenheimquote auf dem Land ist ein Beleg dieser Wohn- und Lebenskultur. Eine wichtige Zuwanderergruppe aufs Land sind junge Familien mit kleinen Kindern, oft ehemalige Dorfbewohner, aber nicht nur. Sie schätzen das ruhige und naturnahe Landleben und natürlich auch die niedrigeren Immobilienpreise. Der Staat sollte nicht nur das urbane, sondern auch das ländliche Bauen und Sanieren von Gebäuden unterstützen.

5. Wenn Sie drei Wünsche freihätten, um die ländlichen und dörflichen Strukturen in Deutschland nachhaltig zu sichern, was würden Sie sich wünschen?

Die Wünsche und Appelle richten sich an drei Adressaten. Möglichst viele Bürger sollten sich Gedanken machen, was sie zum Gemeinwohl des Dorfes beitragen können. Das Dorf lebt vom Geben und Nehmen seiner Bewohner. Die Landgemeinden sollten sich an das neue Leitbild Bürgerkommune herantrauen. Bürgermeister, Rat und Verwaltung sollten sich auf Augenhöhe zu den Bürgern begeben und sie so zum Mitgestalten und Mitmachen bewegen. Mein Wunsch an die zentralen Entscheider in Bund und Ländern: Beendet die Entmündigung und Gängelung der Dörfer und Landgemeinden und gebt ihnen mehr Freiräume der lokalen Entfaltung. Vertraut der Kompetenz und dem Gemeinwohldenken der Bürger und Politiker auf dem Lande.

Prof. Dr. Gerhard Henkel ist Geograph und Universitätsprofessor sowie Autor des Buches „Rettet das Dorf! – Was jetzt zu tun ist.“ München 2016. ISBN 978-3-423-28102-7. Mehr dazu unter https://www.gerhardhenkel.de/neu-rettet-das-dorf/

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Kathrin Milich, Referentin Presse und Information bei der Bausparkasse Schwäbisch Hall. (Foto: Bausparkasse Schwäbisch Hall)
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