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„Stadt und Land brauchen sich mehr denn je“

Experten-Interview mit Prof. Dr. Ulrich Harteisen, Professor für Regionalmanagement, Sprecher der Forschungsgruppe „Ländliche Räume und Dorfentwicklung“

1. Die einen sprechen von Landflucht und von Dorfsterben, die anderen sehen eine Renaissance des Landlebens. Was stimmt denn nun?

Es gibt beide Entwicklungen in Deutschland. Im „Speckgürtel“ prosperierender Großstädte, um München, Berlin, Stuttgart, Hannover, entwickeln sich auch Dörfer und kleine Städte positiv, die Bevölkerung nimmt eher zu als ab und die Infrastruktur ist zumindest stabil oder muss ausgebaut werden. Die Lage im Raum ist also ein wichtiges Kriterium, von dem Wachsen oder Schrumpfen abhängt. Dörfer und Kleinstädte in dünn besiedelten Regionen und weit entfernt von den nächsten städtischen Zentren haben oft große Probleme, ihre Bevölkerung zu halten. Der Weg in die nächste Stadt ist weit und kostet viel Zeit, da entscheiden sich dann gerade junge Menschen gegen ein stetiges, zeitaufwändiges Pendeln und verlassen das Dorf oder die Kleinstadt dauerhaft. Wenn dann auch Arbeitsplätze im Dorf selbst fehlen oder wegfallen, verstärkt sich diese „Landflucht“.

Schaut man sich die Entwicklung der Auflage der Zeitschrift „Landlust“ an, könnte man tatsächlich denken, dass es eine Renaissance des Landlebens gibt, allerdings fokussiert diese Sehnsucht auf ein romantisiertes Bild des Landlebens, was mit der Realität nur wenig zu tun hat. Aber natürlich gibt es auch Menschen, die sich sehr bewusst für ein Leben auf dem Land entscheiden und sich dann auch sehr bewusst ihren ländlichen Wohnort auswählen. So gibt es immer mehr Dörfer, in denen eine aktive Gemeinschaft aus Einheimischen und Zugezogenen entsteht, die neue Formen des Dorflebens entwickeln und etablieren. Dort entsteht dann oft wieder ein Dorfladen, der vielleicht genossenschaftlich organisiert wird, Formen der solidarischen Landwirtschaft, die für eine Versorgung der Dorfbewohner sorgt, eine Freie Schule, die Bildung vor Ort ermöglicht und vielleicht ein Kulturzentrum, welches als Treffpunkt für alle Dorfbewohner und Gäste fungiert. Neues Leben auf dem Dorf entsteht immer dann, wenn über Projekte neue Wege der Dorfentwicklung eingeschlagen werden. Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass Traditionen aufgegeben werden müssen. Es kann durchaus ein Nebeneinander von Tradition und Innovation geben.

2. Was macht aus Ihrer Sicht die dörflichen und ländlichen Strukturen so erhaltenswert?

Fragt man die Menschen in den Dörfern nach den größten Vorteilen des Dorflebens, werden immer wieder die Nähe zur Natur und die Möglichkeit, sich dort zu erholen, genannt. Vielen ist es auch sehr wichtig, sich ihr eigenes Refugium, also das Haus mit Garten, zu gestalten, das ist in Dörfern auch finanziell viel eher zu realisieren als in der Stadt. Natürlich spielen auch soziale Kontakte in den Dörfern eine wichtige Rolle, man kennt sich, pflegt Nachbarschaften, unterstützt sich und fühlt sich auch aufgrund dieser sozialen Nähe sicher, das betonen vor allem ältere Menschen.

Die Dörfer sind aber auch ein wesentlicher Bestandteil der ländlichen Kulturlandschaft, historisch über Jahrhunderte gewachsen, tragen sie zur regionalen Identität bei. Nicht zuletzt sind es die ländlichen Kulturlandschaften, die dann auch den Menschen aus den urbanen Zentren wieder als Erholungsraum dienen. Raus aufs Land fahren, in einem Landgasthof einkehren oder einen Kaffee in einem Dorfcafé genießen ist nur dann möglich, wenn in den Dörfern noch Menschen leben, die diese touristischen Infrastrukturen betreiben. Stadt und Land stehen also in vielfältiger Beziehung zueinander, und man braucht sich mehr denn je.

3. Abwrackprämie, sprich: Anreize für die Aufgabe von ganzen Ortschaften oder Marshallplan zur Rettung des Dorflebens: Welcher Extremposition neigen Sie eher zu?

Extrempositionen tragen selten zur Lösung von Problemen bei, weshalb ich auch nicht zu Extrempositionen neige. Es geht nicht darum, Dörfer aktiv zurück zu siedeln, das würde meines Erachtens auch unserem Demokratieverständnis widersprechen. Die freie Wohnortwahl halte ich für ein hohes Gut, und in der Regel weiß man ja, dass in einem kleinen Dorf die Lebensrealität eine andere ist als in der Großstadt. Allerdings erscheint es mir wichtig, Dörfer, die viele Einwohner verlieren, in dem Anpassungsprozess an diese Veränderung zu unterstützen. Konkret bedeutet das, dass man im Rahmen von Dorfentwicklungsprozessen schon überlegen kann, ob schon lange leerstehende Häuser nicht abgerissen werden können und dafür auch Fördergelder verwendet werden sollten. Diese „aktive Schrumpfungsplanung“ oder Anpassungsplanung ist eine wichtige Zukunftsaufgabe in Dörfern, die viele Einwohner verlieren. Nichts ist abstoßender als viele langsam verfallende Gebäude in einem Dorf, also sollte man Wege finden, „Schrottimmobilien“ zu entfernen und so das Dorf in seiner Gesamtheit attraktiv zu erhalten.

4. Was halten Sie von der These, dass Wohneigentum eine Art „Haltefaktor“ ist, dass also Menschen eher in ihrer ländlichen Heimat bleiben, wenn sie ein Eigenheim bewohnen?

Nach meiner Erfahrung ist das so. Gerade in Dörfern spielt das Eigentum eine wichtige Rolle als „Haltefaktor“. Beim Übergang der Immobilie auf die nächste Generation können aber natürlich dann große Veränderungen auftreten, wenn die Kinder das Dorf verlassen und nun keinen unmittelbaren Bezug mehr zum Eigentum haben. Der emotionale Bezug zum Eigentum und auch zum Dorf geht verloren, und häufig erfolgen keine ausreichenden Investitionen mehr in die Immobilie, was mittel- und langfristig einen Qualitätsverlust zur Folge haben kann. Wichtig wäre daher, dass ein Besitzerwechsel rechtzeitig stattfindet und im Idealfall das Haus durch einen neuen Eigentümer auch wieder bewohnt wird, der dann auch Verantwortung für die Immobilie übernehmen wird.

5. Wenn Sie drei Wünsche freihätten, um die ländlichen und dörflichen Strukturen in Deutschland nachhaltig zu sichern, was würden Sie sich wünschen?

1. Die Einrichtung einer „Gemeinschaftsaufgabe Ländliche Räume“ auf Bundesebene, durch die eine dauerhafte ambitionierte Förderung der ländlichen Räume sichergestellt wird, analog zur Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz oder zur Gemeinschaftsaufgabe Regionale Wirtschaftsstruktur.

2. Eine mediale Offensive starten, die die positiven Seiten des Lebens auf dem Land in den Mittelpunkt rückt und vor allem den Menschen in den Städten vor Augen führt, dass ihre Existenz ohne einen lebendigen funktionierenden und von Menschen bewohnten und gestalteten ländlichen Raum kaum möglich wäre – Ernährung, Trinkwasser, Erholung, um nur einige Stichworte zu nennen.

3. Das Thema „Entwicklung ländlicher Räume“ sollte auch wieder einen höheren Stellenwert in der Wissenschaft bekommen. Wissenschaft und Praxis könnten gemeinsam an Lösungen für die Herausforderungen der ländlichen Räume arbeiten.

Kontakt

Siegfried Bauer
Sebastian Flaith
Carolin Großhauser
Karsten Eiß
Kathrin Milich, Referentin Presse und Information bei der Bausparkasse Schwäbisch Hall. (Foto: Bausparkasse Schwäbisch Hall)
Kathrin Milich